Der Streit um die Neue Wache in Berlin

In meiner Diplomarbeit habe ich mich mit den Auseinandersetzungen über die zentrale Gedenkstätte der Bundesrepublik befasst und herausgearbeitet, wie es um die politische Kultur des Gedenkens fünf Jahre nach der Wiedervereinigung steht. Welche Auffassungen von Geschichte haben die Debatte um die Errichtung einer neuen Gedenkstätte geprägt? Durch eine qualitative Inhaltsanalyse habe ich Stellungsnahmen von Akteurinnen und Akteueren untersucht und dabei Presseerklärungen von Parteien und Interessensgruppen, Plenarprotokolle des Deutschen Bundestages, Bundestagsdrucksachen, Ansprachen von Repräsentant/innen der Bundesrepublik, das Protokoll einer Anhörung von Sachverständigen im Innenausschuss des Bundestages, Drucksachen des Abgeordnetenhauses von Berlin und Drucksachen der Bezirksverordnetenversammlung Berlin-Mitte herangezogen.

Zur politischen Dimension von Geschichte

„Wir haben keine Geschichte, wir machen sie uns“ sagte der Historiker Eberhard Jäckel. Im Geschichtsbild schlägt sich nieder, was als erinnungswürdig erachtet wird. An Denkmälern manifestieren sich in besonderer Weise Geschichtsbilder und von jeher waren sie Objekte, an denen sich politische Kräfte zu verewigen suchten. Dabei sind sie als Zeitzeugen zu verstehen. Nicht so sehr in der Hinsicht, dass sie über historische Ereignisse dezidiert Auskunft geben – zu eng sind die Grenzen der Darstellugnsmöglichkeiten hier gesetzt. Was man an ihnen ablesen kann, sind allerdings die gesellschaftlichen Strukturen, in denen sie entstanden sind und die Rezeption und Deutung des jeweiligen historischen Themas durch die Denkmalsetzer/innen. Politik wird mithilde von geschichtlichen Ereignissen regelrecht inszeniert, wobei ein reichhaltiges Instrumentarium an politischen Symbolen wie Hymnen, Flaggen, Wappen, Ehrungen und Gedenkstätten zur Verfügung stehen. An politischen Gedenktagen, bei Staatbegräbnissen oder Feiern sollen diese Symbole als verdichtete Form von Geschichte zur Staatsintegration, Konsensstiftung, Massenloyalität und Stabilitätssicherung beitragen. In autoritären und totalitären Statten wird Geschichte als Herrschaftsinstrument eingesetzt und zwar ganz unverhüllt, wie am Beispiel der Deutschen Demokratischen Republik und ihrem von oben verordenten „antifaschistischen Konsen“ deutlich wurde.

Die Idee einer zentralen Gedenkstätte für die Bundesrepublik und die Konfliktlinien

Die Karriere des Themas begann mit einer Mitteilung über eine Kabinettsbeschluss der Regierung Kohl im Januar 1993. Zum Volkstrauertag am 14. November des gleichen Jahres sollte die Neue Wache Unter den Linden als neu gestaltete zentrale Gedenkstätte eingeweiht werden. Der Anspruch, gleichzeitig die Opfer der Nazidiktatur und des SED-Regimes, die Kriegsopfer und  alle übrigen Gewaltopfer zu ehren, forderte großen Widerwillen heraus. Die Akademie der Künste Berlin und der Bund Deutscher Architekten kritisierten das Gestaltungskonzept, die Landesjustizverwaltung verweis auf das Recht der einzelnen Opfergruppen auf eigene Stätten des Gedenkens. Die Organisationen der NS-Opfer sprachen sich einhellig gegen ein gemeinsames Mahnmal aus, die der Kriegsopfer plädierten dafür. Der Gedenkstättenverband warf dem Bundeskanzler Geschichtsklitterung vor. Es kam zu einer Anhörung von Sachverständigen aus Kunst und Geschichte, bei der die Opferverbände nur als Zuhörer/innen geladen waren. Die unterschiedlichen Vorstellungen, wessen in der Neuen Wache zu gedenken sei, traten  vor allem in der Diskussion um die vorgesehene Inschrift zutage und darin, ob die Statue „Mutter mit Sohn“ von Käthe Kollwitz die richtige Symbolik sei. Es nutzte nichts. Bundeskanzler Kohl hatte sich mit seiner Geschichtsdeutung weitgehend durchgesetzt.

Das Resultat

Es gab nicht annähernd einen nationalen Konsens im Umgang mit Geschichte und keine akzeptierte Übereinstimmung über angemessene Symbole und Rituale, um an die Opfer der deutschen Geschichte zu erinnern. Lediglich im Bekenntnis zum Pazifismus und im Bewusstsein, dass man die Überlebenden und Nachfolgegenerationen mahnen wolle, war man sich einig. Der Streit um die Neue Wache war Ausdruck einer Schlagwortpolitik. Drei Richtungen in der Auffassung von Vergangenheit konnte ich ausmachen:

  1. Der Vergangenheit mit individueller Trauer begegnen. Die Deutschen sollen das Bekenntnis ablegen, dass sie zur Trauer fähig sind. Eine Versöhnung mit den Opfern soll statt finden. Man will die Vergangenheit hinter sich lassen.
    (Bundesregierung, CDU/CSU, FDP, Kriegsopfer- und Vertriebenenverbände, Deutsches Historisches Museum, Konferenz der Verbände ehemaliger politischer Häftlinge)
  2. Einen Auseinandersetzung mit der Vergangenheit muss endlich statt finden. Vergangenheit hat die Funktion der Warnung und Anklage. Die Kenntnis darüber soll verhindern, dass Ähnliches wieder geschieht.
    (Bündnis 90/ Die Grünen, Aktives Museum Faschismus und Widerstand, Kultursenator, NS-Opferverbände, jüdische Organisationen)
  3. Bekenntnis zum Antifaschismus. Staatliche Repräsentant/innen gelten als Relativierer des Holocaust
    PDS, BVVdV, Antifa-Bund, Antirassistische Initiative)

Das große öffentliche Interesse und die Debatte um die Neue Wache waren mit der Einweihung schlagartig beendet. Die zentrale Gedenkstätte erfüllt ihre Funktion, die ihr zugedacht war. Sie ist eine teure Kranzablagestelle für Staatsgäste. Ein Kritiker hatte angemerkt, “ dass es hierfür auch ein Komposthaufen getan hätte“.