Mit Gott in Kontakt treten

Silent House of Prayer.Tonaufnahmen in Gotteshäusern. Dritte Station von AiR Reinhard Gupfinger bei der Ussaki-Gemeinschaft. |

Der Vorsitzende Mehmet Korkmaz begrüßt uns freundlich und lädt uns zu einem Glas Tee ein. Er und Ali-Nuri Schmid erläutern uns, dass die Ussaki-Derwische eine mystische Glaubensrichtung innerhalb des Islam sind. Die Bezeichnung Derwisch kommt aus dem Persischen und bedeutet »asketischer Mönch«. Die persönliche Erfahrung der Verbindung mit Gott, und zwar nicht erst nach dem Tod, sondern bereits in diesem Leben, ist ihr Ziel. Sie zählen zu den Sufisten und stellen eine Strömung mit asketischen Tendenzen und starker spiritueller Orientierung dar. Männer und Frauen beten räumlich getrennt. Besucherinnen dürfen aber bei der Zeremonie im zentralen Gebetsraum der Männer dabei sein.

Immer mehr Gemeindemitglieder treffen ein. Heute seien es besonders viele, meint Ali-Nuri Schmid. Alle sind neugierig, weil eine Aufnahme gemacht werden soll. Viele sehr junge Leute sind unter den Betenden. Die Umgehensweise ist herzlich. Die Männer ziehen sich grüne Westen über. Sie verstärken das Entstehen eines Gruppengefühls. Reinhard darf seine Aufnahmetechnik inmitten des Gebetskreises aufbauen. So ist es ja auch gedacht. Der Styroporkopf mit den Mikrofonen auf den Ohren soll späteren Zuhörer*innen seines »Silent Events« den Eindruck vermitteln, als wären sie dabei gewesen.

Der so genannten Dhikr beginnt. Sie rufen verschiedene Namen Gottes wieder und wieder an und entwickeln einen an- und abschwellenden rhythmischen Sprechgesang. Im Laufe der einstündigen Zeremonie treffen immer mehr Betende ein. Sie wiederholen einige dieser Namen Gottes in einer bestimmten Abfolge – wieder und wieder. Dazu werden von den Solisten sogenannte Ilahis – religiöse türkische Volkslieder – gesungen. Sehr signifikant ist dabei die Aussprache, die mit einer stoßweisen Ausatmung verbunden ist. Das beeindruckt uns sehr. Der Sound erinnert an eine Beatbox. Man könnte meinen, sie benutzen Percussioninstrumente. Dabei sind alle Töne ausschließlich vom menschlichen Körper erzeugt.

Es wird laut, immer lauter. Die grünen Westen bewegen sich rythmisch und die Dynamik in der Gruppe ist sehr hoch. Das Ganze steigert sich und erlangt eine ungeheure Intensität und Kraft. Der Dhikr-Leiter steuert den Ausstoß an Energie und lenkt seine Gruppe. Seine Gesänge und Worte werden dabei mittels Technik in den Frauengebetsraum übertragen. Dort ist der gleiche Ablauf wie bei den Männern. Zum Abschluss der Zermonie stehen alle auf, schütteln sich die Hände, umarmen sich und bilden einen Kreis. Reinhard und der Styroporkopf sitzen mitten drin. Freundlicher kann man wohl nicht aufgenommen werden.

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