Schlagwort: friedensstadt

  • Die göttliche Frequenz

    Die göttliche Frequenz

    Von Mai bis Oktober habe ich den Medienkünstler Reinhard Gupfinger bei seinem Projekt »Silent House of Prayer« begleitet. Wir haben mit dem Mikrofon religiöse Zeremonien besucht und dabei Erstaunliches erlebt. Um den räumlichen Höreindruck realitätsnah zu reproduzieren, hat der Künstler bei den Tonaufnahmen eine binaurale Aufnahmemethode mit Styroporkopf und zwei Mikrofonen verwendet. Repräsentativ für jedes Gotteshaus entstand das Einzelstück einer transparenten Schallplatte (Dubplate). Diese wurden erstmalig bei einem »Silent Event« am 4. August 2016 nur über Kopfhörer präsentiert. Die Tonaufnahmen hat Reinhard am Computer mit einer eigens entwickelten Software analysiert und entsprechende Frequenzen und Lautstärken für den Schneideprozess angepasst und aufbereitet. Ein spezielles Heißdraht-Schneidegerät ermöglichte eine Echtzeitübertragung der Tonspuren in Styropor und ähnliche Materialien. Je lauter die Klänge, desto höher die geschnittene Amplitude. Auf diese Weise hat der Künstler ganze Tonaufnahmen in Styropor geschnitten und daraus einmalige Gussformen angefertigt. Es erfolgte der Abguss mit keramischem Gießpulver. Abschließend wurden die Styroporstreifen aus der Form entfernt und das Relief war fertig. In einer Ausstellung in der Galerie Beate Berndt hat er sie im September und Oktober 2016 präsentiert.

    Neben neun einzelnen Reliefs, die so für jede Klangaufnahme als Visulaisierung entstanden sind, hat Reinhard ein Gesamtrelief angefertigt und dabei die Frequenz 432 herausgefiltert. Eine Frequenz ist die Anzahl der Bewegungen nach oben und unten pro Sekunde – gemessen in Hertz. Manche sagen, dass das Hören von Musik in 432Hz hilft, uns mit unserer Umwelt und den natürlichen geometrischen Mustern des Universums neu auszurichten. Es wird dabei von der »göttlichen Frequenz« gesprochen.

    Veröffentlicht bei a3kultur.

  • Soziale Plastik der Religionen

    Soziale Plastik der Religionen

    Reinhard Gupfinger aus Linz erreicht mit seiner Medienkunst das Außergewöhnliche: Muslimische und christliche Glaubensgemeinschaften bilden eine soziale Skulptur. Ich habe den Künstler und das Projekt in meinen Funktionen als a3kultur-Redakteurin und Mitglied des Trägervereins Hoher Weg e.V. begleitet.

    Wir feiern das Hohe Friedensfest in Augsburg jedes Jahr als Auseinandersetzung mit der gesellschaftlichen Vielfalt in dieser Stadt. Die Gleichberechtigung der Religionen ist dabei von besonderer Bedeutung. Der »Silent Event« des Medienkünstlers Reinhard Gupfinger, der gestern im Kulturhaus Abraxas statt fand, war ein wesentlicher Beitrag, um diesem hohen Gut ein Stück näher zu kommen. Islamische und christliche Glaubensgemeinschaften waren für ein paar Stunden in sehr gleichberechtigter Form präsent. Über 60 Menschen hatten sich versammelt, um die »Sounds des Friedens« zu hören: Sunniten von der Kammgarnmoschee mit ihrem Imam Faruk Aydin, Aleviten mit dem Vorsitzenden Orhan Aykac, Sufisten der Ussaki-Gemeinschaft mit dem Vorstand Ali Schmidt, Christen der Church of Pentecost mit dem Prediger Osahene Boateng sowie Protestanten und Katholiken. Wie war das möglich?

    Reinhard Gupfinger hat zuvor in neun Glaubenseinrichtungen hochwertige Tonaufnahmen von Gebeten, Konzerten, Messen und Zeremonien gemacht, daraus jeweils acht Minuten extrahiert und jeden einzelnen «Sound des Friedens« auf eine Schallplatte pressen lassen.

    1. Bodaisan Shoboji – Zen-Buddhismus
    2. Mariendom – Katholisch
    3. Ussaki-Gemeinschaft – Muslime/Sufismus
    4. Selimiye Moschee – Muslime/Sunnitisch
    5. St. Anna – Protestantisch
    6. Church of Pentecost – Freikirchlich/Christlich
    7. Alevitische Gemeinde – Muslime
    8. St. Gallus – Katholisch
    9. Jüdische Gemeinde

    Diese Unikate hat er bei seiner »Silent Disco« nach dem Zufallsprinzip aufgelegt. »Silent« heißt das Format deshalb, weil alle Gäste Kopfhörer tragen. Ganz individuell konnten die Zuhörer*innen den Klängen des Friedens lauschen und dabei zwischen drei verschiedenen Wiedergabekanälen auswählen. Diese ungewöhnliche Art der Begegnung erzeugte zu Beginn zunächst etwas Unsicherheit, dann Erstaunen und später ein beträchtliches Maß an Faszination. Ganz selbstbewusst können der Künstler und auch die Initiatoren des Artist-in-Resicence-Projektes »Welcome in der Friedensstadt« behaupten: Es ist gelungen, auf neutralem Boden – dem Boden der Kunst – sich zu treffen und zusammen eine soziale Plastik zu bilden, die sehr viel mit Frieden zu tun hat.

    Weitere Details zu dem Projekt unter www.welcome-in-der-friedensstadt.de.

    Veröffentlicht bei a3kultur.

  • Brilliante Stimmen aus Israel

    Brilliante Stimmen aus Israel

    Silent House of Prayer. Tonaufnahmen in Gotteshäusern. Neunte Station von AiR Reinhard Gupfinger in der Synagoge. |

    Man kann sie nicht einfach betreten. Erst, wenn der Türöffner von innen betätigt wird, ist der Eingang in die Synagoge möglich. Männer sind angehalten, eine Kopfbedeckung zu tragen. Dies gilt auch für Nichtjuden. Die traditionelle Kopfbedeckung ist eine Kippa – ein Käppchen. Man kann aber auch einen Hut oder eine Mütze nehmen. In liberalen Synagogen beten Frauen und Männer zusammen, in orthodoxen getrennt. Die Frauen der Augsburger Synagoge beten auf der Empore. An diesem Tag ist aber kein Gottesdienst, sondern ein Konzert. Also nehmen alle Gäste in den Holzbänken im unteren Bereich des prächtigen Kuppelbaus Platz. Grüngoldenes Mosaik, aufwändige Maßwerkfenster, der doppelte Fensterkranz der Kuppel und vier Kugellampen aus Messing sind zu sehen – byzantinische und orientalisierende Details mit Anregungen aus der jüdischen Renaissance. Es ist recht dunkel.

    Zunächst spielt die Klezmerband Feygele aus ihrem rasanten Repertoire. Aber vor allem die brillianten Stimmen des Ella Ensembles aus dem Musikkonservatorium in Kamiel in Israel haben es uns angetan. Sie singen unter der Leitung von Miriam Sade ergreifende israelische Lieder und Stücke in deutscher, russischer und spanischer Sprache. Ihre Musik ist wie geschaffen für den Kuppelraum. Leider ist der Genuss viel zu schnell vorbei. Die Veranstaltung wird im Anschluss wiederholt und das Publikum ist angehalten, rasch den Saal zu verlassen und Platz für die nachfolgenden Gäste zu machen. Reinhards Styroprokopf mit den Mikros auf den Ohren hat unglaubliche Klänge eingefangen. Sie werden im August im Kulturhaus Abraxas präsentiert.

    Veröffentlicht bei a3kultur.

  • Zur Ehre der Rose

    Zur Ehre der Rose

    Silent House of Prayer. Tonaufnahmen in Gotteshäusern. Achte Station von AiR Reinhard Gupfinger in der St.-Gallus-Kirche. |

    Etwas versteckt an der Stadtmauer im Domviertel befindet sich das nur 60 Quadratmeter große St.-Gallus-Kirchlein. Domkapitular Armin Zürm ist mit seinen Ministrant*innen schon vor Ort. Er hat zur Maienandacht eingeladen. Seine jungen Helfer*innen dürfen die Glocke bedienen. Sie ist mit Hand zu betätigen und das bedeutet ein gutes Stück Arbeit. Die Kinder machen sie mit Begeisterung, nachdem der Chef ihnen gezeigt hat, wie es geht.

    Der Gebetsgottesdienst ist der Mutter Gottes gewidmet. Die Kinder schmücken den Altar mit Rosen. Die Rose ist ein Symbol für Maria, der Königin des Himmels und der Erde. Es ist eine ganz schlichte Zermonie, die vor allem durch die Gebete der Gläubigen ihren besonderen Klangcharakter bekommt. Die Tonaufnahmen finden Eingang in das Soundprojekt von Reinhard und bekommen ihren gleichberechtigten Platz neben den anderen Klängen aus den Glaubensgemeinschaften.

    Veröffentlicht bei a3kultur.

  • Lebendes Weltkulturerbe

    Lebendes Weltkulturerbe

    Silent House of Prayer. Tonaufnahmen in Gotteshäusern. Siebte Station von AiR Reinhard Gupfinger in der Alevitischen Gemeinde. |

    Im Gemeindezentrum in Lechhausen finden Gebetsabende und Kulturveranstaltungen statt. Wir sind heute zu einem Seminar mit dem sehr bekannten und geschätzen Dertli Divani eingeladen. Vor allem den jungen Gläubigen möchte der Gelehrte (Baba) die Bedeutung der alten Lieder nahe bringen und damit die nicht aufgeschriebene Geschichte der Aleviten vermitteln. Dertli Divani hat für seine Arbeit den Titel »immaterielles Weltkulturerbe« erhalten. Damit das weltweit vorhandene traditionelle Wissen und Können erhalten bleibt, hat die UNESCO 2003 das Übereinkommen zur Erhaltung solchen Kulturerbes verabschiedet.

    Gäste aus ganz Bayern treffen nach und nach im Gebetsraum ein. Sie rücken Sitzkissen zurecht und platzieren sich im Kreis. Männer, Frauen, Kinder. Wir sind mit Reinhards Styroporkopf samt Mikrofonen mitten drin. Als Beitrag zum Hohen Friedensfest werden die Tonaufnahmen gleichberechtigt neben Klängen aus anderen Religionsgemeinschaften bei einer Veranstaltung im August zu hören sein.

    Zwölf Imame sind im Alevitentum heilige Personen und zwölf Kreissegmente weist der Teppich auf. »Gegen die Wand zu beten ist nicht unser Anliegen, sondern unser Anliegen ist gegen das Antlitz zu beten und das ist der Mensch«, lautet ein türkisches Sprichwort. Zwölf Musiker*innen sind anwesend. Aleviten transportieren ihr gesamtes religöses Wissen über Musik. Die Saz, ein Lauteninstrument, auch Baðlama genannt, gehört zu ihrer Kultur wie die Orgel in einer christlichen Kirche. Die alevitische Religion will den Menschen emotional eine Heimat geben, um Hoffnung zu tanken. Dabei spielt die Musik eine entscheidende Rolle. Die Saz viel mehr als nur ein Instrument. Sie ist der »Koran der Saiten«. Es sind melancholische Klänge in denen eine Sehnsucht nach einer besseren Welt mitklingt. Es sind Erinnerungen an gemeinsames Leid und die Unterdrückung der Aleviten durch die türkische Staatsmacht. Im Osmansichen Reich galten sie jahrhundertelang als »Ungläubige«. Daher wanderten viele türkische Aleviten besonders in den sechziger und siebziger Jahren nach Deutschland aus. Die Aleviten sind heute mit mehr als 500.000 Angehörigen die drittgrößte Religionsgemeinschaft in Deutschland.

    Die Jugendlichen tanzen als eine andere Form des Gebetes. Im Takt der zwölf Sazinstrumente bewegen sie sich im Kreis wie die Planeten um die Sonne. Das symbolisiert nicht nur die Bewegung der Erde, sondern auch die ständige Bewegung der Natur. Das Seminar geht nach zwei Stunden mit einer Aussprache, an der sich einige Gemeindemitglieder mit Wortbeiträgen beteiligen, zu Ende. Auch wenn wir von dem Gesprochenen nichts verstehen konnten, begreifen wir doch, dass es eine große Verbundenheit unter den Gemeindemitgliedern gibt.

    Veröffentlicht bei a3kultur.

  • Hearing and obeying

    Hearing and obeying

    Silent House of Prayer.Tonaufnahmen in Gotteshäusern. Sechste Station von AiR Reinhard Gupfinger in der Church of Pentecost.

    »Gottes Wort hören und befolgen«. Diese Worte stehen auf dem Transparent, das am vorderen Ende des Gemeindesaals der Church of Pentecost hängt. Bei unserer Ankunft in dem religiösen Zentrum in Stadtbergen in der Pfingstgemeinde ist gerade die Bibelstunde im Gange. Bald darauf geht sie in den Gottesdienst über. Aus Gebeten werden Gesänge, ausgelassene Freudentänze und ein Lachen, wie man es wohl kaum von einer anderen Religionsgemeinschaft kennt. Die Gläubigen, viele sehr junge Leute und Kinder, grooven sich immer mehr ein und preisen Gott unablässig. Sie sind im Dialog mit dem Priester. Heute ist »Men`s-Day« und die Kinder haben spezielle Danksagungen wie »We love you all!« für die Männer vorbereitet. Jedes Kind wird für seinen Spruch mit einem tosenden Beifall belohnt. Auch wir werden in den Bann gezogen und herzlich umarmt.

    Veröffentlicht bei a3kultur.

  • Die schönste Stimme Augsburgs

    Die schönste Stimme Augsburgs

    Silent House of Prayer.Tonaufnahmen in Gotteshäusern. Fünfte Station von AiR Reinhard Gupfinger in der Kammgarn Selimiye Moschee.

    Die Moschee in Räumen der ehemaligen Kammgarnfabrik im Textilviertel wurde 1974 errichtet. Viele Mitglieder haben früher in der Kammgarn-Spinnerei gearbeitet. Ali Akce, der 1. Vorsitzende der DITIB Türkisch-Islamische Gemeinde von Augsburg begrüßt uns. DITIB ist ein Kürzel für die türkische Übersetzung ihres eigentlichen Namens »Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion«. Ali Akce führt uns in das Dachgeschoss, den Gebetsraum der Männer. Prachtvolle blaue Kacheln mit Blumenmuster zieren die Wände. Ein dunkelroter Teppich mit hellen Streifen ist schräg im Raum verlegt. Er gibt die Gebetsrichtung nach Mekka vor. Wir lernen Iman Faruk Aydin kennen. Man sagt, er habe die schönste Stimme der Imame in Augsburg. Er ruft die muslimische Gemeinde fünfmal täglich zum Beten. Wir bekommen eine Tonprobe. Es stimmt, seine Stimme ist außergewöhnlich und schön. Die Tonaufnahmen, die Reinhard mit Spezialmikrofonen macht, die an seinem Styroporkopf angebracht sind, werden im August neben anderen Klängen aus Gotteshäusern im Kulturhaus Abraxas zu hören sein.

    Saadet Ayaz kommt hinzu. Sie ist in der Gemeinde und auch im landesweiten Jugendverband der DITIB aktiv. Die moderne selbstbewusste Frau benutzt eine App auf ihrem Handy, die ihr die Gebetszeit und die Gebetsrichtung anzeigt, wenn sie gerade nicht in der Moschee ist und nicht die schönste Stimme von Augsburg hören kann. An eine Wand im Vereinslokal im Erdgeschoss ist ein Spruch des islamischen Dichters und Mystikers »Mevlana« geschrieben. Saadet Ayaz erklärt uns, dass er davon handelt, dass der Mensch nicht gierig sein soll. Sie berichtet, wie sich der Verein im sozialen Bereich engagiert. Aktuell plant sie ein multikulturelles Fest mit einem Kindergarten in der Nachbarschaft. Wir haben die Kammgarnmoschee als ein offenes Haus kennen gelernt, in dem Gäste gerne willkommen sind.

    Veröffentlicht bei a3kultur.

  • Orgelmusik zur Marktzeit

    Orgelmusik zur Marktzeit

    Silent House of Prayer. Tonaufnahmen in Gotteshäusern. Fünfte Station von AiR Reinhard Gupfinger in der Protestantischen Annakirche.

    Immer samstags um halbzwölf lädt Kantor Michael Nonnenmacher zur Kirchenmusik ein. Als wir ankommen, ist die Kirche St. Anna schon gut gefüllt. Touristengruppen sind mit ihren Fotoapparaten zugange. Reinhards Styroporkopf mit den Mikrofonen ist schnell aufgebaut. Der Küster kommt kurz vorbei und sagt Hallo, dann beginnt auch schon das Orgelkonzert von Hans-Martin Kemmether. Er spielt Werke von Erbach, Albrechtsberger und Schuhmann sowie Bearbeitungen des Pfingstchorals von Pachenbel, Kaufmann und Scheidt und führt uns damit in die Zeiten des 16., 17. und 18. Jahrhunderts. Die große Schrankflügelorgel auf der Ostempore wurde 1512 von Johann von Dobrau erbaut und 1978 und 1992 erneuert bzwe. erweitert. Die prächtigen Gemälde an den Flügeln wurden von Jörg Breu der Ältere geschaffen. Sie ist durch ihren Standort ein typisches Beispiel für eine Altarorgel. Das Instrument verfügt über 45 Register.

    Nach 30 Minuten ist das Konzert beendet. Der Styroporkopf hat wieder Pause. Die Tonaufnahmen wird Reinhard zusammen mit den Sounds aus anderen Gotteshäusern im Rahmen des Hohen Friedensfestes am 4. August präsentieren.

    Veröffentlicht bei a3kultur.

  • Mit Gott in Kontakt treten

    Mit Gott in Kontakt treten

    Silent House of Prayer.Tonaufnahmen in Gotteshäusern. Dritte Station von AiR Reinhard Gupfinger bei der Ussaki-Gemeinschaft. |

    Der Vorsitzende Mehmet Korkmaz begrüßt uns freundlich und lädt uns zu einem Glas Tee ein. Er und Ali-Nuri Schmid erläutern uns, dass die Ussaki-Derwische eine mystische Glaubensrichtung innerhalb des Islam sind. Die Bezeichnung Derwisch kommt aus dem Persischen und bedeutet »asketischer Mönch«. Die persönliche Erfahrung der Verbindung mit Gott, und zwar nicht erst nach dem Tod, sondern bereits in diesem Leben, ist ihr Ziel. Sie zählen zu den Sufisten und stellen eine Strömung mit asketischen Tendenzen und starker spiritueller Orientierung dar. Männer und Frauen beten räumlich getrennt. Besucherinnen dürfen aber bei der Zeremonie im zentralen Gebetsraum der Männer dabei sein.

    Immer mehr Gemeindemitglieder treffen ein. Heute seien es besonders viele, meint Ali-Nuri Schmid. Alle sind neugierig, weil eine Aufnahme gemacht werden soll. Viele sehr junge Leute sind unter den Betenden. Die Umgehensweise ist herzlich. Die Männer ziehen sich grüne Westen über. Sie verstärken das Entstehen eines Gruppengefühls. Reinhard darf seine Aufnahmetechnik inmitten des Gebetskreises aufbauen. So ist es ja auch gedacht. Der Styroporkopf mit den Mikrofonen auf den Ohren soll späteren Zuhörer*innen seines »Silent Events« den Eindruck vermitteln, als wären sie dabei gewesen.

    Der so genannten Dhikr beginnt. Sie rufen verschiedene Namen Gottes wieder und wieder an und entwickeln einen an- und abschwellenden rhythmischen Sprechgesang. Im Laufe der einstündigen Zeremonie treffen immer mehr Betende ein. Sie wiederholen einige dieser Namen Gottes in einer bestimmten Abfolge – wieder und wieder. Dazu werden von den Solisten sogenannte Ilahis – religiöse türkische Volkslieder – gesungen. Sehr signifikant ist dabei die Aussprache, die mit einer stoßweisen Ausatmung verbunden ist. Das beeindruckt uns sehr. Der Sound erinnert an eine Beatbox. Man könnte meinen, sie benutzen Percussioninstrumente. Dabei sind alle Töne ausschließlich vom menschlichen Körper erzeugt.

    Es wird laut, immer lauter. Die grünen Westen bewegen sich rythmisch und die Dynamik in der Gruppe ist sehr hoch. Das Ganze steigert sich und erlangt eine ungeheure Intensität und Kraft. Der Dhikr-Leiter steuert den Ausstoß an Energie und lenkt seine Gruppe. Seine Gesänge und Worte werden dabei mittels Technik in den Frauengebetsraum übertragen. Dort ist der gleiche Ablauf wie bei den Männern. Zum Abschluss der Zermonie stehen alle auf, schütteln sich die Hände, umarmen sich und bilden einen Kreis. Reinhard und der Styroporkopf sitzen mitten drin. Freundlicher kann man wohl nicht aufgenommen werden.

    Veröffentlicht bei a3kultur.

  • Das Brot des Herrn

    Das Brot des Herrn

    Silent House of Prayer. Tonaufnahmen in Gotteshäusern. Zweite Station von AiR Reinhard Gupfinger im Mariendom. |

    Die Straßen auf dem Weg zum Dom sind aufgrund der Fronleichnamsprozession für den Autoverkehr gesperrt. Häuser sind anlässlich des katholischen Hochfestes mit Birkenzweigen und Fahnen geschmückt. Die Gläubigen begleiten die vom Bischof getragene Monstranz in einem Festzug unter Gebet und Gesang durch die Straßen. Im Mittelpunkt des Feiertages Fronleichnam steht die Eucharistie, die Umwandlung von Brot und Wein in Leib und Blut Christi. Dieses Ritual hängt eng mit dem letzten Abendmahl zusammen, bei dem Jesus seinen Jüngern laut katholischer Glaubenslehre den lebendigen Leib des Herren in Form des Brotes (Hostie) und des Weines übergeben hat.

    Ankommen am Domvorplatz geht die Prozession gerade zu Ende und die Gläubigen nehmen im Inneren des Kirchenschiffes Platz. Reinhard hat dort schon seine Aufnahmetechnik installiert. Er wird die Messe aufzeichnen und Ausschnitte daraus in seinem Medienprojekt »Silent Event« als Beitrag zum Hohen Friedensfest verwenden. Wie klingen Gotteshäuser? Wie klingt der Sound des Friedens? Diesen Fragen geht er mit seinem Kunstprojekt nach. Zuvor geht es aber noch in die Domsakristei, also Backstage. Hier werden liturgische Gewänder, Gerätenschaften wie Kelche, Leuchter und Kerzen aufbewahrt. Alles, was man für die Messe braucht. Die Sakristei ist auch die Kommunikationszentrale für alle, die am Gottesdienst beteiligt sind. Wir treffen Armin Zürn, den Domkapitular. Kurz darauf trifft auch Domdekan Prälat Dr. Bertram Meier ein. Er wird die Messe, die gleich beginnen wird, leiten. »Brauchen wir noch Fürbitten?«, fragt er in den Raum hinein. Laien werden sie später vortragen. Es herrscht eine lockere Atmosphäre. Der Pfarrer kleidet sich um. Zwei Messdienerinnen sind schon bereit. Jahrhundertelang galt der Ministrantendienst als eine Vorstufe zum Priesteramt. Darum durften nur Jungen mit am Altar stehen. Papst Johannes Paul II. hat jedoch das Kirchengesetz 1992 zugunsten von Frauen interpretiert. Seitdem liegt die Entscheidung, ob es Ministrantinnen gibt oder nicht, beim zuständigen Bischof.

    Die Gläubigen haben sich inzwischen im Kirchenraum versammelt und auch wir begeben uns an unseren Platz. Der Gottesdienst beginnt, indem der Priester und die Ministrantinnen in den Altarraum einziehen. Die Liturgie der heiligen Messe besteht aus einem Wortgottesdienst und der Eucharistiefeier. Der Ablauf unterliegt einer genauen Choreographie, die sich uns nicht wirklich erschließt. Sitzen, stehen, knien. Wann ist was zu tun? Zum Glück können wir uns an anderen Gottesdienstteilnehmer*innen orientieren. Der aufgestellte Styroporkopf mit den Mikrofonen auf den Ohren ist unser treuer Begleiter. Das was er hört, können die Gäste des »Silent Events«, der am 4. August im Abraxas statt finden wird, auch hören. Daneben die Klänge der anderen Glaubensgemeinschaften.

    Die Sounds während der Messe im Dom sind vor allem durch die voluminösen Orgeltöne in Kombination mit dem Gesang geprägt. Sie wirken schwer und düster, aber auch erhaben. Im Kontrast dazu stehen die hell klingenden Altarschellen, die von den Messdienerinnen beim Zeigen des verwandelten Brotes und Weins bedient werden. Nach 45 Minuten ist die Feier zu Ende. Die Orgel tönt nochmals sehr laut. Bertram Meier nickt uns beim Auszug freundlich zu und fragt im Vorbeigehen: »Hat die Aufnahme geklappt?« Daumen hoch.

    Veröffentlicht bei a3kultur.