Kategorie: publikation

  • Wintergarten

    Als echte Hobbygärtnerin lasse ich mich von frostigen Temperaturen nicht abhalten. Beachtliche Ernteergebnisse kann man mit etwas Geschick auch im Winter erzielen.

    Rechtzeitig vor dem ersten Frost wandern Balkon- und Gartenkräuter wie Rosmarin, Lorbeer und Basilikum auf die Küchenfensterbank. Das sind aber nicht die einzigen Pflanzen, die im Winter schöne Zutaten für meinen Kochtopf liefern. Auch Peperoni und Paprika wachsen drinnen munter weiter. Man muss sie nur öfters mit Wasser einsprühen, denn zu trockene Luft mögen sie nicht.

    Keinesfalls dürfen in den kargen Wintermonaten Keimsprossen als Energielieferanten fehlen. Eine Handvoll der Minis erfreut das Auge und den Magen. Allgemein zählt Kresse zu den Klassikern unter den Grünsprossen. Auf einem Teller mit gut feucht gehaltenem Küchenpapier wachsen sie in wenigen Tagen heran. Würzige Radieschen- und Rettichsprossen, Mungobohnen, Senfsaaten, Linsen oder Luzerne lassen sich besser in lichtdurchlässigen Gefäßen kultivieren.

    Viel Vitamin C liefert im Winter auch Topinambur, die essbaren Sonnenblume. Im späten Herbst habe ich die Knollen ausgegraben. Weil sie offen nicht lange lagerfähig sind, habe ich sie in Kübel gelegt und mit Erde bedeckt. So harren sie auf dem Balkon, bis sie portionsgerecht abgeholt werden.

    Der Winter ist auch eine gute Zeit, um Ingwer zu ziehen. Die Pflanzen sind an diffuses Licht gewöhnt, sind sie doch ursprünglich im dichten Dschungel beheimatet. Vor einigen Wochen habe ich gekaufte Knollen aus dem Bioanbau in einem Topf mit Erde gesetzt. Bio muss sein, weil hier nichts bestrahlt wird, um das Austrieben zu verhindern. Der Pflanztopf muss möglichst weit sein, damit die Rhizome gut in die Breite wachsen können. Ungefähr zehn Monate wird es allerdings schon dauern, bis sich die Ernte lohnt.

    Im November stelle ich immer ein kleines Foliengewächshaus auf den Balkon. Hinein kamen diesmal Kästen mit leckerem Spinat. Die Sorte »Verdil« eignet sich besonders für den Überwinterungsanbau. Im Oktober gesät, hat er gerade rechtzeitig vor dem Frost ausreichend Wurzeln gebildet, um nicht zu erfrieren. Im Februar wird der aromatische Winterriesenspinat erntereif sein und kann zum Beispiel roh als Spinatsalat gegessen werden. Außerdem beherbergt mein Kaltgewächshaus verschiedene frostunempfindliche Salate. So bin ich in den nächsten Monaten mit frischem Grün versorgt.

    Erstellt für die Kolumne »Gartenstadt« von a3regional.de.

  • Kompott aus dem Gemüsegarten

    Kompott aus dem Gemüsegarten

    Ob in Kuchen, Marmeladen oder als Saftschorle – das fruchtige Stielgemüse Rhabarber aus der Familie der Knöterichgewächse erfreut sich großer Beliebtheit. Vor vier Jahren kam er als winziger Trieb in meinen Garten. Seither hatte ich jedes Jahr ab Mai bis Ende Juni eine reichliche Ernte.

    Ursprünglich stammt der Rhabarber aus China, wo er noch heute als Heilpflanze verwendet wird. Ende Juni beginnt beim Rhabarber eine zweite Wachstumsphase. Die sich bildenden Stangen, die auch als »Johannistrieb« bezeichnet werden, sollten nicht mehr geerntet werden, damit die Rhabarberpflanze ausreichend Kräfte und Reserven für das Folgejahr sammeln kann.

    Es gibt auch einen ernährungsphysiologischen Aspekt, warum Rhabarber nun nicht mehr verzehrt werden sollte: Der Oxalgehalt in den Stängeln steigt. Oxalsäure kann in hohen Konzentrationen zu Vergiftungen führen. Mit normalen Verzehrsmengen lassen sich diese Konzentrationen jedoch nie erreichen: Die tödliche Dosis wird für den Erwachsenen zwischen 5 und 15 g angenommen. Die Stangen enthalten je nach Sorte, Düngung und Erntezeitpunkt zwischen 60 und 500 mg Oxalsäure je 100 g Frischgewicht. Für den gesunden Erwachsenen ist eine besondere Vorsicht deshalb nicht erforderlich, auch nicht bei spätem Erntetermin. Der Oxalsäuregehalt im Rhabarber kann einfach verringert werden, indem man ihn schält. Die größten Mengen der Säure befinden sich nämlich in den Blätten und Schalen. Außerdem kann man Rhabarber zusammen mit Milcherzeugnissen verzehren. Dadurch wird die Oxalsäure gebunden und vom Körper ausgeschieden.

    Sehr imposant ist die Blüte des Rhabarber. Sie wird bis zu zwei Meter hoch und entwickelt eine teils armlange und wunderbar voluminöse Blütenrispe, die über und über von kleinen cremefarbenen Blüten bedeckt ist. Die dreieckigen Früchte, die daraus wachsen sind recht dekorativ. Die Blütenknospen liefern auch eine pikante und leicht säuerlich schmeckende Gemüsebeilage, wenn man sie wie Brokkoli oder Blumenkohl in Salzwasser dünstet und mit einer Sahnesoße serviert.

    Erstellt für die Kolumne »Gartenstadt« von a3regional.de.

  • Altes Wildgemüse Rote Melde

    Altes Wildgemüse Rote Melde

    Wer sich die Rote Melde einmal in den Garten geholt hat und sie blühen lässt, wird alljährlich bereits ab Mai erste Blätter ernten können. Die junge Pflanze, die sich selbst aussät, ist zart und hat ein mildes Aroma. Roh kann man sie als Salat genießen, gedünstet erinnern die Blätter geschmacklich an Spinat. Früher wurde sie in ganz Mitteleuropa als wichtige Energielieferantin und Nahrungsergänzung geschätzt. Nachdem die Melde viele Jahre ein Schattendasein auf Schuttplätzen und Brachen geführt hat, ist sie heute wieder vermehrt in heimischen Gärten anzutreffen. Dabei machen sie ein beachtlicher Eisengehalt, wichtige Mineralstoffe wie Magnesium, Kalzium und Kalium sowie Vitamin A und Proteine zu einem wertvollen Nahrungs- und Heilmittel.

    Das anspruchslose Gänsefußgewächs gedeiht auf jedem Gartenboden, wobei nahrhaft-feuchte Böden im Halbschatten den höchsten Ertrag bringen. Meine Lieblings-Mischkultur ist Gartenmelde zwischen Kartoffelreihen. Das sieht nicht nur attraktiv aus, sondern hat auch den Effekt, dass sich die Pflanzen gegenseitig stützen. Wem der Garten fehlt, kann das Gewächs auch problemlos auf dem Balkon halten. Lässt man die Pflanzen weiterwachsen, kann sie bis zu 2 Meter hoch werden. Jetzt ernte ich nur noch die frischen Spitzen, weil die unteren Blätter derb werden.

    Was ich nicht unmittelbar in der Küche verwenden kann, friere ich ein. Hierzu befreie ich die Blätter von den Stielen, blanchiere sie und quetsche sie nach dem Abtropfen zu kleinen Pellets. Der Vorteil ist, dass ich sie später portionsweise und nach Bedarf aus dem Gefrierbeutel entnehmen kann. Einen anderen Teil der Ernte verarbeite ich nach dem Trocknen der Blätter mit einem Mörser zu Grünmehl. Verschlossen in Gläsern wird die Melde zu einer wertvollen Vitamin- und Mineralstofflieferantin vor allem im Winter. Sie eignet sich gut zum Andicken von Suppen und Soßen. Auch die Samen lassen sich verwenden. Im Backofen eine Stunde bei 250 Grad geröstet, ergeben sie eine schmackhafte Streuwürze.

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    Der Arbeitskreis Urbane Gärten engagiert sich dafür, dass sich die Rote Melde auch in Augsburg zunehmend verbreitet. Bei unserem Pflanzenmarkt mit Frühlingsfest am 7. Mai ab 15 Uhr im Interkulturellen Garten im Reese-Areal können interessierte Hobbygärtner*innen Setzlinge des Wildgemüses sowie andere Jungpflanzen gegen Spende bei mir erstehen.

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    Erstellt für die Gartenkolumne von a3regional.de.

  • Wilder Bruder Bärlauch

    Wilder Bruder Bärlauch

    Er ist der bessere Knoblauch, denn Bärlauch hat ein ähnliches Aroma wie sein Verwandter, die gleichen gesundheitlichen Vorteile und verursacht nach dem Verzehr keine unangenehmen Gerüche. (mehr …)

  • Was ist eigentlich ein Mensch?

    Was ist eigentlich ein Mensch?

    Selçuk Cara geht mit der Inszenierung des Brechtstücks »Die Maßnahme« auf dem Gaswerkgelände der Frage nach, inwieweit wir Menschen opfern, um unsere Ideologien zu behalten.

    Am Einlass steht eine lange Schlage von Besucher*innen. Wir werden durch ein Zelt hindurch geschleust. Zusammen mit den Tickets werden uns Postkarten ausgehändigt. Es sind Fotografien von Kevin McElvaney, der mit der Seenotrettung im Mittelmeer unterwegs war. Abgebildet sind Menschen, die dem Ertrinken entronnen sind. Es geht nur schleppend vorwärts. Allmählich begreifen wir, dass die Inszenierung schon begonnen hat. Wie ankommende Geflüchtete müssen sich die Theatergäste einreihen und bekommen Anweisungen, wie man sich zu verhalten hat. Schließlich stehen alle dicht gedrängt im alten Kühlerhaus der Gaswerkanlage. Es ist spärlich beleuchtet und muffig. Hinter einem Bauzaun, der sich über die ganze Länge des Raumes erstreckt, sehen wir einen vermüllten Strand mit verzweifelten Menschen, die sich mit einem ganz und gar nicht seetüchtigen Schlauchboot gerne auf den Weg machen würden – wenn der Zaun nicht wäre. Sie sprechen zu uns und fragen flüsternd: »Bist du ein Mensch?« Nur ein Teil der Besucher*innen bekommt die Situation am Zaun mit. Die hinteren Reihen scherzen und lachen und sind anderweitig beschäftigt. Das Flüstern schwillt zu einem verzweifelten Schreien an. Der Absperrzaun wird beinahe gestürmt. »Es wird mir hier zu eng«, sagt ein Theatergast neben mir. Wir werden aus dem Gebäude auf der anderen Seite hinausgelassen.

    Ein paar Treppen hinunter und wieder hinauf geht es in das Apparatehaus. Dichter Weihrauchnebel hängt in der Luft. Eine Vorleserin versetzt uns in das Brechtstück der 30er Jahre, in dem es um den Konflikt zwischen den eigenen moralischen Grundsätzen und einem taktisch-bürokratischen Vorgehen im Sinne der Parteidoktrin geht. Darf man die Revolutionsidee verraten, um das Leid der Menschen zu lindern? In »Die Maßnahme« sind Schauspieler*innen zugleich Studierende und die Trennung zwischen Bühne und Publikum ist aufgehoben. Das Apparatehaus bietet hierfür einen besonderen Rahmen. Nur ein Teil der Zuschauer*innen kann auf Bänken – es sind Kirchenbänke – Platz nehmen, die anderen stehen zwischen Regleranlagen, Umfüllgebläsen, Steuerrädern und Gasuhren herum, klettern zum Teil hinauf. Wir sind mitten in einem Workshop. Ganz gemäß der Lehrstückdramaturgie nehmen die Schauspieler*innen immer wieder verschiedene Haltungen ein, trainieren ihr dialektisches Denken und schulen ihre Gesten.

    Brechts Ziel seiner Theaterpraxis war, die Wahrnehmung des Publikums zu verändern und es permanent mit neuen Perspektiven zum aktiven Denken zu bringen. Unter den Nazis war das Stück verboten. Im Jahr 1956 belegte es Brecht selbst wegen möglicher Missverständnisse über seine politische Zielrichtung mit einem Aufführungsverbot. Erst seit 1998 kann es wieder gespielt werden. Vor einem Parteigericht müssen sich vier russische Agitatoren für die Tötung eines Genossen verantworten. Also spielen sie die Situation nach, die zu dieser »Maßnahme« geführt hat. In der Restrospektive zeigen sie, wie den jungen ungestümen Revolutionär das Mitleid mit den Elenden überkommt, er in revolutionären Übereifer verfällt und wie er darüber die Strategie der Partei in Frage stellt. Am Ende willigt er jedoch selbst in seine Ermordung ein, um die große Sache des Kommunismus nicht zu schwächen. Mehr Brecht geht kaum und das Schaupiel ist intensiv und zuweilen recht schwer auszuhalten. Die Schauspieler*innen haben meine Hochachtung für ihre Leistung. Revolutionär sein ist schwer erhebend. Die Musik von Hanns Eisler mit ihren Merkmalen geistlicher Musik und kirchentonartlicher Wendungen unterstreicht das. Das Orchester unter der Leitung von Geoffrey Abbott spielt hervorragend. In der Inszenierung sitzt es leider die ganze Zeit hinter einem schwarzen Vorhang. Erst zum Schlussapplaus treten die Musiker*innen hervor.

    »Die Maßnahme« ist ein Oratorium, das in hochstilisierten Wechselreden und Gesängen darlegt, warum vier russische Untergrund-Parteiagitatoren in China ihren fünften Genossen erschießen mussten. »Die Maßnahme« des diplomierten türkisch-stämmigen Selçuk Cara ist auch eine Auseinandersetzung mit den Menschenopfern an den EU-Außengrenzen. »Was will mein Innenminister und meine EU von mir, von uns?«, fragt der Regisseur. »Wollen sie die Auslöschung meiner persönlichen Verantwortung?« Schon der Philosoph Karl Popper reklamierte »Lasst Ideen sterben, nicht Menschen!« Wenn sich eine politische Idee gegen die Überprüfung ihrer Richtigkeit abschottet, kann sie keine Berechtigung haben. Die Offene Gesellschaft gerät in Gefahr. Ich sehe die Inszenierung von Selçuk Cara als Aufforderung, Gesicht zu zeigen.

    Erstellt für a3kultur.

  • Mit Theter kreativ sein

    Mit Theter kreativ sein

    Die junge Theatergruppe hat ihre neuen Proben- und Arbeitsräume am Königsplatz eröffnet und zeigt sich offen für Kreative oder die, die es werden wollen. Direkt über dem City-Club hat Theter Laboratories eine ganze Etage bezogen, in der kreativ gearbeitet und geprobt wird. Im letzten Herbst, damlas noch im Baustaub, haben dort unsere Aktiven aus dem Flüchtlingsrat zusammen mit Geflüchteten und dem Ensembel schon einmal im letzten Jahr geprobt. Entstanden ist ein Flashmob zu Arbetisverboten für Geflüchtete. Etwas staubig ist es auf der neu entstandenen Etage im 3. Stock über dem CityClub immer noch, aber die Fortschritte des Ausbaus sind zu erkennen. »Nachhaltig und ressourcenbilden« möchten sie sich betätigen, sagt Leif Eric Young, der künstlerische Leiter von Theter. Was das heißt, lässt sich bei meinem Besuch leicht nachvollziehen. Die Möbel sind gebraucht, darunter eine herrlich hässliche, aber enorm praktische riesige Schrankwand mit vielen Schubladen und ein ausladendes Ledersofa, in dem man sogleich versinkt. Auf dem Boden haben sich einige Ensembelmitglieder niedergelassen. Sie basteln an einer Unterkonstruktion für einen Schwingboden. Das geht recht einfach. Unter robuste MDF-Platten legen sie kleine Türme aus Schaumstoff. Das dämmt nicht nur den Schall, sondern verringert auch die Verletzungsgefahr von Tänzer*innen.

    Bald schon soll es möglich sein, den Probenraum zu mieten. Das gilt auch für das angrenzende Arbeitszimmer mit einem schwarzen Schreibtisch, der durch seine ungewöhnliche Form auffällt. Wie ein Flügel sieht er aus. Gefertigt haben ihn die Theters aus ausrangiertem Material des Stadttheaters. Besonders praktisch ist eine Klappe, unter der ein Scanner eingebaut ist. Das gefällt mir. So etwas könnte ich auch gut gebrauchen, denn wie lästig sind doch die vielen Pheripheriegeräte rund um den Computer auf meinem Arbeitstisch. Wer an dem Flügelschreibtisch bei Theter Platz nehmen möchte, ist herzlich eingeladen, sich in einem Kreativprozess mit dem Ensembel zu begeben. Dieser Einladung werde ich bald schon nachkommen.

    Erstellt für a3kultur.

  • Das ist mein Land, den Anspruch gebe ich nicht auf!

    Das ist mein Land, den Anspruch gebe ich nicht auf!

    Kulturelle Highlights und viele emotionale Momente bei der Gründungsfeier des Augsburger Regionalverbandes der Sinti und Roma. |

    Die meisten der Sinti und Roma sind heute sesshaft. Marcella Reinhardt, die frisch gebackene Regionalvorsitzende des Augsburger Verbandes, begrüßte die Gäste beim Festakt deshalb wohl aus Tradition mit »Liebe Reisende«. Zahlreich waren die Geladenen in das Augsburger Rathaus gekommen, darunter viele sehr junge Leute. Romani Rose, Vorsitzender des Zentralrats der Sinti und Roma, appellierte an alle demokratischen Kräfte, den Rechtsstaat und unsere Werte gegen alle verfassungsfeindlichen Bestrebungen entschlossen zu verteidigen. Er sprach von der Gefährlichkeit, die der Rechtspopulismus mit sich bringt. »Nicht nur für uns als Minderheit nehmen Diskriminierungen und Angriffe wieder zu. Das Projekt Demokratie als Ganzes ist gefährdet!« Für sein Bekenntnis »ich bin Heidelberger, das ist mein Land, diesen Anspruch gebe ich nicht auf!«, erhielt er anhaltenden Applaus.

    Frederika Brand berichtete als eine der wenigen noch lebenden Augsburger Zeitzeug*innen von ihren Erlebnissen im Konzentrationslager Dachau. Als junges Mädchen konnte sie zusammen mit einer Schwester in den Wald flüchten und entkommen. Ihre Familie blieb aber zurück und wurde ermordet. Zunächst noch gefasst, später zunehmend verzweifelter, sprach sie sehr detailliert über ihr Schicksal und die Grausamkeiten, die sie und andere erleben mussten. Welch leidvolle Geschichte! 500 000 Sinti und Roma wurden während der NS-Zeit vernichtet. Das Programm war eindeutig: Auch der letzte »Zigeuner« musste nach Ansicht der Rassenideologen systematisch ausgerottet werden. Die Erschütterung der Gäste im Saal war zu spüren. 70 Jahre sind es her und noch immer sind die Wunden nicht verheilt. Frederika Brand sagt, sie hat vergeben, aber vergessen wird sie nicht. Damit das Vergessen nicht statt findet, setzt sich Marcella Reinhardt für ein Augsburger Dokumentations- und Bildungshaus zum Thema Holocaust ein. Sie will vor allem die Jugend über die schrecklichen Gräueltaten informieren. Als Ort für ihr Vorhaben soll die »Halle 116« im Sheridan-Park dienen. Das Gebäude war unter dem NS-Regime als Zwangsarbeiterbaracke und Außenstelle des Konzentrationslagers Dachau genutzt worden.

    Einen sehr würdigen Rahmen erhielt der Festakt durch die Musik von Nico Franz aus Langweid, der vom »Familie Prinz Ensemble« aus Memmingen und der Pianistin Junko Podwojewski begleitet wurde. Der 20-jährige Violinist Nico Franz wurde bereits mit neun Jahren in das Augsburger Sinfonie-Orchester aufgenommen und wirkte dort 4 Jahre lang mit. Nach mehreren Meisterkursen studiert er seit 2013 am Leopold Mozart Zentrum der Universität Augsburg. Erst kürzlich erhielt er den 1. Preis des Jugend-Musik-Förderpreises Allgäu. Eine Auszeichnung in diesem Wettbewerb erhielt auch Elias Prinz, der virtuos mit seiner Gitarre glänzte. Das Repertoire an diesem Abend bestand unter anderem aus Musik von Ernest Bloch Nigun und John Williams Thema aus »Schindlers Liste«. Der elegante junge Künstler Nico Franz zeigte ein unglaublich leidenschaftliches Spiel auf höchstem Niveau, während Fotos von Überlebenden der Vernichtungslager und deren Familien gezeigt wurden. Emotionaler konnte es kaum sein.

    Veröffentlicht bei a3kultur.

  • Essbare Sonnenblumenknolle

    Essbare Sonnenblumenknolle

    Topinambur gehört zu den alten Gemüsesorten, die im Laden kaum erhältlich sind. Ich ernte die gesunde Knolle fast ganzjährig. Ich weiß, manche hassen sie. »Die schmeckt muffig, sagt der Gatte.« Wehe, ich schmuggle ihm heimlich eine Portion in den Kartoffeleintopf. Der feine Gaumen merkt es. Das Argument, dass Topinambur gesund ist, zählt nicht. Dabei enthält das Gemüse neben Mineralien und Vitaminen verschiedene Saccharide, die als Nährstoffe für die Bakterienflora des Darms günstig sind. Aber, wen interessiert es?

    Sowohl in der Spitzengastronomie als auch bei Gartenfreund*innen sind alte Sorten zunehmend beliebt. Das hat mit dem Geschmack zu tun, aber auch mit der Erkenntnis, dass die alten Sorten oft robuster sind und problemlos vermehrt werden können. Ich esse Topinambur gerne roh, beispielsweise im Salat oder unter Gemüsegerichte gemischt. Man kann ihn auch dünsten oder zu Pürree verarbeiten. Sogar Chips lassen sich aus Topinambur selbst herstellen. Als Rohkost schmeckt er nussartig und ist von ähnlich knackiger Konsistenz wie eine Karotte. Im gekochten Zustand erinnert sein Aroma an Artischocken oder Schwarzwurzeln.

    Topinambur ist eine Sonnenblumenart mit kleineren Blüten als bei der typischen Schwesterpflanze. Beim Kultivieren lässt sich kaum etwas verkehrt machen, denn die Pflanzen gedeihen sowohl im Halbschatten als auch in der Sonne. Im letzten Jahr hatte ich keine einzige Blüte. Schade, aber das kommt vor, wenn der vorhergehende Winter besonders kalt war. Nachdem im Herbst die überirdischen Pflanzenteile abgestorben sind, kann man bei frostfreiem Boden laufend ernten. Da Topinambur nicht gut lagerfähig ist, entnehme ich immer nur so viel, wie ich gerade in der Küche benötige.

    Die Pflanzen haben einen enormen Verbreitungsdrang und nehmen anderen Gewächsen schnell den Platz weg. Um das zu vermeiden, setze ich sie nicht ins Beet, sondern in große Kübel. Trotzdem ist der Ertrag mit mehreren Kilo Knollen pro Pflanze immer reichlich. Spätestens ab Mai suche ich deshalb Abnehmer*innen für die neu ausgetriebenen Jungpflanzen. Wer die essbare Sonnenblumenknolle einmal selbst anbauen möchte, kann sie von mir am 7. Mai bei Gartenflohmarkt des AK Urbane Gärten im »Grow-Up« im Reesepark erwerben.

    Erstellt für die Kolumne »Gartenstadt« von a3regional.de.

  • Augsburger Integrationsbeirat auf neuen Pfaden

    Augsburger Integrationsbeirat auf neuen Pfaden

    Integration bedeutet richtig Arbeit und ist keineswegs eine Aufgabe, die nur Zugewanderte zu erbringen haben. Mehr fachkundige Bürger*innen sollen sich künftig in die städtische Integrationspolitik einmischen. (mehr …)

  • Kunst und Kuchen

    Kunst und Kuchen

    Menschen mit und ohne Behinderungen begegnen sich im Alltag kaum. Workshopleiterin Eva Neumann und Tanja Blum von der CAB Caritas Augsburg dachten sich deshalb eine besondere Begegnungsmöglichkeit aus. |

    Das Café Samocca in der Hermannstraße ist für seinen ausgezeichneten Spezialitätenkaffee bekannt. In den nächsten Monaten lädt der Caritasverband zu Kreativworkshops in den schönen Glasbau im hinteren Teil des Cafés ein. Stofftaschen gestalten steht heute auf dem Programm. Mit dabei ist Josef. Er kann sich sprachlich schlecht ausdrücken. Mit viel Einfühlungsvermögen erklärt Workshopleiterin Eva Neumann ihm, wie er mit Kartoffeldruck und Textilfarbe einen Stoffbeutel verschönern kann. Josef hat Talent. Er geht sehr geschickt mit dem Schnitzmesser um und liebt offensichtlich geometrische Muster. Ihm gegenüber sitzt Christin. Die Ingolstädterin ist heute zu Besuch in Augsburg und hat das Workshopangebot im Internet gefunden. Sie und Josef »unterhalten« sich und reichen Farbtöpfe und Pinsel hin und her. Franziska, ein junges Mädchen, das in Begleitung seiner Eltern gekommen ist, hat sich als Druckmotiv eine Feder ausgedacht. Ihr fällt der Umgang mit dem Schnitzmesser deutlich schwerer. Eva Neumann und Tanja Blum helfen, die Kartoffel in Form zu bringen. Man muss laut mit Franziska sprechen, denn ihr Gehör funktioniert nicht so gut. Das Ergebnis der gemeinsamen Arbeit ist eine bunte Tasche, die dann noch die Aufschrift »Federleicht« erhält. Auch bei den anderen sieben Teilnehmer*innen des Workshops geht es voran. Die Technik ist einfach, das Tun regt zur Kommunikation an und die Stimmung ist ausgelassen. So haben es sich die Veranstalterinnen gewünscht.

    Bereits im Dezember startete die Veranstaltungsreihe »Kunst und Kuchen« mit dem Bemalen von Kaffeetassen. Am 4. März können die Teilnehmer`*innen Kühlschrankmagnete basteln, am 1. April Ostereier bemalen und am 6. Mai Blumentöpfe gestalten. Alle Ideen hat Eva Neumann in ihrer sehr ansprechenden Veröffentlichung »Das große BLV Kreativ-Buch: DIY-Projekte mit Holz, Wolle, Filz und Co« festgehalten. Die Grafik- und Kommunikationsdesignerin arbeitet für Verlage, Redaktionen und Agenturen und ist ehrenamtlich in der Arbeit mit beeinträchtigen Menschen tätig.

    Veröffentlicht bei a3kultur.