Kategorie: publikation

  • Die schönste Stimme Augsburgs

    Die schönste Stimme Augsburgs

    Silent House of Prayer.Tonaufnahmen in Gotteshäusern. Fünfte Station von AiR Reinhard Gupfinger in der Kammgarn Selimiye Moschee.

    Die Moschee in Räumen der ehemaligen Kammgarnfabrik im Textilviertel wurde 1974 errichtet. Viele Mitglieder haben früher in der Kammgarn-Spinnerei gearbeitet. Ali Akce, der 1. Vorsitzende der DITIB Türkisch-Islamische Gemeinde von Augsburg begrüßt uns. DITIB ist ein Kürzel für die türkische Übersetzung ihres eigentlichen Namens »Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion«. Ali Akce führt uns in das Dachgeschoss, den Gebetsraum der Männer. Prachtvolle blaue Kacheln mit Blumenmuster zieren die Wände. Ein dunkelroter Teppich mit hellen Streifen ist schräg im Raum verlegt. Er gibt die Gebetsrichtung nach Mekka vor. Wir lernen Iman Faruk Aydin kennen. Man sagt, er habe die schönste Stimme der Imame in Augsburg. Er ruft die muslimische Gemeinde fünfmal täglich zum Beten. Wir bekommen eine Tonprobe. Es stimmt, seine Stimme ist außergewöhnlich und schön. Die Tonaufnahmen, die Reinhard mit Spezialmikrofonen macht, die an seinem Styroporkopf angebracht sind, werden im August neben anderen Klängen aus Gotteshäusern im Kulturhaus Abraxas zu hören sein.

    Saadet Ayaz kommt hinzu. Sie ist in der Gemeinde und auch im landesweiten Jugendverband der DITIB aktiv. Die moderne selbstbewusste Frau benutzt eine App auf ihrem Handy, die ihr die Gebetszeit und die Gebetsrichtung anzeigt, wenn sie gerade nicht in der Moschee ist und nicht die schönste Stimme von Augsburg hören kann. An eine Wand im Vereinslokal im Erdgeschoss ist ein Spruch des islamischen Dichters und Mystikers »Mevlana« geschrieben. Saadet Ayaz erklärt uns, dass er davon handelt, dass der Mensch nicht gierig sein soll. Sie berichtet, wie sich der Verein im sozialen Bereich engagiert. Aktuell plant sie ein multikulturelles Fest mit einem Kindergarten in der Nachbarschaft. Wir haben die Kammgarnmoschee als ein offenes Haus kennen gelernt, in dem Gäste gerne willkommen sind.

    Veröffentlicht bei a3kultur.

  • Orgelmusik zur Marktzeit

    Orgelmusik zur Marktzeit

    Silent House of Prayer. Tonaufnahmen in Gotteshäusern. Fünfte Station von AiR Reinhard Gupfinger in der Protestantischen Annakirche.

    Immer samstags um halbzwölf lädt Kantor Michael Nonnenmacher zur Kirchenmusik ein. Als wir ankommen, ist die Kirche St. Anna schon gut gefüllt. Touristengruppen sind mit ihren Fotoapparaten zugange. Reinhards Styroporkopf mit den Mikrofonen ist schnell aufgebaut. Der Küster kommt kurz vorbei und sagt Hallo, dann beginnt auch schon das Orgelkonzert von Hans-Martin Kemmether. Er spielt Werke von Erbach, Albrechtsberger und Schuhmann sowie Bearbeitungen des Pfingstchorals von Pachenbel, Kaufmann und Scheidt und führt uns damit in die Zeiten des 16., 17. und 18. Jahrhunderts. Die große Schrankflügelorgel auf der Ostempore wurde 1512 von Johann von Dobrau erbaut und 1978 und 1992 erneuert bzwe. erweitert. Die prächtigen Gemälde an den Flügeln wurden von Jörg Breu der Ältere geschaffen. Sie ist durch ihren Standort ein typisches Beispiel für eine Altarorgel. Das Instrument verfügt über 45 Register.

    Nach 30 Minuten ist das Konzert beendet. Der Styroporkopf hat wieder Pause. Die Tonaufnahmen wird Reinhard zusammen mit den Sounds aus anderen Gotteshäusern im Rahmen des Hohen Friedensfestes am 4. August präsentieren.

    Veröffentlicht bei a3kultur.

  • Mit Gott in Kontakt treten

    Mit Gott in Kontakt treten

    Silent House of Prayer.Tonaufnahmen in Gotteshäusern. Dritte Station von AiR Reinhard Gupfinger bei der Ussaki-Gemeinschaft. |

    Der Vorsitzende Mehmet Korkmaz begrüßt uns freundlich und lädt uns zu einem Glas Tee ein. Er und Ali-Nuri Schmid erläutern uns, dass die Ussaki-Derwische eine mystische Glaubensrichtung innerhalb des Islam sind. Die Bezeichnung Derwisch kommt aus dem Persischen und bedeutet »asketischer Mönch«. Die persönliche Erfahrung der Verbindung mit Gott, und zwar nicht erst nach dem Tod, sondern bereits in diesem Leben, ist ihr Ziel. Sie zählen zu den Sufisten und stellen eine Strömung mit asketischen Tendenzen und starker spiritueller Orientierung dar. Männer und Frauen beten räumlich getrennt. Besucherinnen dürfen aber bei der Zeremonie im zentralen Gebetsraum der Männer dabei sein.

    Immer mehr Gemeindemitglieder treffen ein. Heute seien es besonders viele, meint Ali-Nuri Schmid. Alle sind neugierig, weil eine Aufnahme gemacht werden soll. Viele sehr junge Leute sind unter den Betenden. Die Umgehensweise ist herzlich. Die Männer ziehen sich grüne Westen über. Sie verstärken das Entstehen eines Gruppengefühls. Reinhard darf seine Aufnahmetechnik inmitten des Gebetskreises aufbauen. So ist es ja auch gedacht. Der Styroporkopf mit den Mikrofonen auf den Ohren soll späteren Zuhörer*innen seines »Silent Events« den Eindruck vermitteln, als wären sie dabei gewesen.

    Der so genannten Dhikr beginnt. Sie rufen verschiedene Namen Gottes wieder und wieder an und entwickeln einen an- und abschwellenden rhythmischen Sprechgesang. Im Laufe der einstündigen Zeremonie treffen immer mehr Betende ein. Sie wiederholen einige dieser Namen Gottes in einer bestimmten Abfolge – wieder und wieder. Dazu werden von den Solisten sogenannte Ilahis – religiöse türkische Volkslieder – gesungen. Sehr signifikant ist dabei die Aussprache, die mit einer stoßweisen Ausatmung verbunden ist. Das beeindruckt uns sehr. Der Sound erinnert an eine Beatbox. Man könnte meinen, sie benutzen Percussioninstrumente. Dabei sind alle Töne ausschließlich vom menschlichen Körper erzeugt.

    Es wird laut, immer lauter. Die grünen Westen bewegen sich rythmisch und die Dynamik in der Gruppe ist sehr hoch. Das Ganze steigert sich und erlangt eine ungeheure Intensität und Kraft. Der Dhikr-Leiter steuert den Ausstoß an Energie und lenkt seine Gruppe. Seine Gesänge und Worte werden dabei mittels Technik in den Frauengebetsraum übertragen. Dort ist der gleiche Ablauf wie bei den Männern. Zum Abschluss der Zermonie stehen alle auf, schütteln sich die Hände, umarmen sich und bilden einen Kreis. Reinhard und der Styroporkopf sitzen mitten drin. Freundlicher kann man wohl nicht aufgenommen werden.

    Veröffentlicht bei a3kultur.

  • Das Brot des Herrn

    Das Brot des Herrn

    Silent House of Prayer. Tonaufnahmen in Gotteshäusern. Zweite Station von AiR Reinhard Gupfinger im Mariendom. |

    Die Straßen auf dem Weg zum Dom sind aufgrund der Fronleichnamsprozession für den Autoverkehr gesperrt. Häuser sind anlässlich des katholischen Hochfestes mit Birkenzweigen und Fahnen geschmückt. Die Gläubigen begleiten die vom Bischof getragene Monstranz in einem Festzug unter Gebet und Gesang durch die Straßen. Im Mittelpunkt des Feiertages Fronleichnam steht die Eucharistie, die Umwandlung von Brot und Wein in Leib und Blut Christi. Dieses Ritual hängt eng mit dem letzten Abendmahl zusammen, bei dem Jesus seinen Jüngern laut katholischer Glaubenslehre den lebendigen Leib des Herren in Form des Brotes (Hostie) und des Weines übergeben hat.

    Ankommen am Domvorplatz geht die Prozession gerade zu Ende und die Gläubigen nehmen im Inneren des Kirchenschiffes Platz. Reinhard hat dort schon seine Aufnahmetechnik installiert. Er wird die Messe aufzeichnen und Ausschnitte daraus in seinem Medienprojekt »Silent Event« als Beitrag zum Hohen Friedensfest verwenden. Wie klingen Gotteshäuser? Wie klingt der Sound des Friedens? Diesen Fragen geht er mit seinem Kunstprojekt nach. Zuvor geht es aber noch in die Domsakristei, also Backstage. Hier werden liturgische Gewänder, Gerätenschaften wie Kelche, Leuchter und Kerzen aufbewahrt. Alles, was man für die Messe braucht. Die Sakristei ist auch die Kommunikationszentrale für alle, die am Gottesdienst beteiligt sind. Wir treffen Armin Zürn, den Domkapitular. Kurz darauf trifft auch Domdekan Prälat Dr. Bertram Meier ein. Er wird die Messe, die gleich beginnen wird, leiten. »Brauchen wir noch Fürbitten?«, fragt er in den Raum hinein. Laien werden sie später vortragen. Es herrscht eine lockere Atmosphäre. Der Pfarrer kleidet sich um. Zwei Messdienerinnen sind schon bereit. Jahrhundertelang galt der Ministrantendienst als eine Vorstufe zum Priesteramt. Darum durften nur Jungen mit am Altar stehen. Papst Johannes Paul II. hat jedoch das Kirchengesetz 1992 zugunsten von Frauen interpretiert. Seitdem liegt die Entscheidung, ob es Ministrantinnen gibt oder nicht, beim zuständigen Bischof.

    Die Gläubigen haben sich inzwischen im Kirchenraum versammelt und auch wir begeben uns an unseren Platz. Der Gottesdienst beginnt, indem der Priester und die Ministrantinnen in den Altarraum einziehen. Die Liturgie der heiligen Messe besteht aus einem Wortgottesdienst und der Eucharistiefeier. Der Ablauf unterliegt einer genauen Choreographie, die sich uns nicht wirklich erschließt. Sitzen, stehen, knien. Wann ist was zu tun? Zum Glück können wir uns an anderen Gottesdienstteilnehmer*innen orientieren. Der aufgestellte Styroporkopf mit den Mikrofonen auf den Ohren ist unser treuer Begleiter. Das was er hört, können die Gäste des »Silent Events«, der am 4. August im Abraxas statt finden wird, auch hören. Daneben die Klänge der anderen Glaubensgemeinschaften.

    Die Sounds während der Messe im Dom sind vor allem durch die voluminösen Orgeltöne in Kombination mit dem Gesang geprägt. Sie wirken schwer und düster, aber auch erhaben. Im Kontrast dazu stehen die hell klingenden Altarschellen, die von den Messdienerinnen beim Zeigen des verwandelten Brotes und Weins bedient werden. Nach 45 Minuten ist die Feier zu Ende. Die Orgel tönt nochmals sehr laut. Bertram Meier nickt uns beim Auszug freundlich zu und fragt im Vorbeigehen: »Hat die Aufnahme geklappt?« Daumen hoch.

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  • Der Berg der Erleuchtung

    Der Berg der Erleuchtung

    Silent House of Prayer. Tonaufnahmen in Gotteshäusern. Erste Station von AiR Reinhard Gupfinger im Buddhistischen Zentrum in Dinkelscherben.

    Ankunft in Dinkelscherben. Gespannt nähern wir uns dem Zen-Tempel Bodaisan-Shoboji in der ländlichen Umgebung am Rande der Westlichen Wälder an einem Hang gelegen. Am Eingang ein großer Infokasten, der über die Zeiten der offenen Gebetsstunden und Seminarangebote informiert. Hier wird der Medienkünstler Reinhard Gupfinger die ersten Tonaufnahmen für sein Soundprojekt machen. Wir klingeln und Toshiko Miyazaki öffnet uns. Sie ist Chado (Teeweg)- und Kado(Blumen)-Meisterin und Ehefrau des Zentrumsleiters Dorin Genpo. Um das Haus herum geleitet sie uns zum Gartenhaus. Hier erwartet uns ein Schüler des Tempels. Wir ziehen die Schuhe und Socken aus und tragen Reinhards Aufnahmeequipment in das Dachgeschoss. Hier begrüßt uns auch der Meister Dorin Genpo sehr herzlich. Der Raum ist mit Tatamimatten und Sitzkissen ausgelegt. Im Zentrum steht natürlich ein großer Buddha. Durch ihn wurde der Buddhismus vor etwas mehr als 2500 Jahren in Indien begründet. Von dort gelangte er über China und Korea nach Japan. Im Dinkelscherbener Zentrum beruft man sich auch auf seinen Nachfolger Rinzai Gigen Zenji (gest. 866). Rinzai steht für dynamisches, kraftvolles Zen, das die Menschen dazu anhält, Erleuchtung zu erfahren und diese im Leben zu verwirklichen. Auf dem Altar stehen zur Verehrung Buddhas Tee, Räucherwaren, Kerzen und Blumen.

    Als Mitglied des Runden Tisches der Religionen ist uns Zenmeister Genpo sehr bekannt. Auf seiner religiösen Suche kam er in jungen Jahren mit dem Buddhismus in Berührung. Es folgten Asienreisen und 1977 begann er mit der Zen-Praxis. 1990 wurde er in Japan zum Mönch geweiht. 1992 kam er mit einer Lehrerlaubnis nach Deutschland zurück und gründete den Bodaisan Shoboji Zen-Tempel. Seither gibt er »authentisches« Rinzai-Zen in einer für »Westler« entsprechenden Form weiter. Wir erfahren von ihm viele Details über die Lebensstationen Buddhas. Sie sind auf 17 kostbaren holzgeschnitzten Wandbildern dargestellt, die aus einem aufgegebenen Tempel in Burma stammen. Wir entdecken Kriegselefanten und erfahren, dass auch Götter als vergängliche Wesen angesehen werden. Schließlich ist der Buddhismus keine Konfession, sondern eine Lehre.

    Die Aufnahmetechnik steht. Dabei ist Reinhard nicht der ideale Sound wichtig, sondern der Eindruck, der beim menschlichen Gehör entsteht. Ein Styroporkopf mit zwei Mikros auf den Ohren wartet ebenso wie wir auf das, was jetzt gleich kommt. Nun startet die Gebetszeremonie. Der Meister rezitiert Sutren in einem rythmischen Sprechgesang auf Sinojapanisch. Besondere Akzente setzt er dabei mit Klangschalen und Trommel. Der Schüler unterstützt dieses rituelle Sprechen. Die Sutren werden einstimmig gesungen, meistens nur in einer Tonhöhe. Buddhisten beten nicht zu Buddha. Aber sie sprechen Bittgebete für die Menschen. Darin wünschen sie sich, dass die Menschen von ihrem Leid befreit werden, keine schlechten Gedanken und Gefühle haben, klar denken und zur Erleuchtung gelangen können. Das Rezitieren geschieht in einem hohen Tempo und mit grosser Lautstärke. Das weckt unsere Lebensgeister. Es fordert volle Konzentration vom Meister, der den Rhytmus halten möchte. »Es hilft, mit dem ganzern Körper zu singen«, sagt er, »dann hat es auch Wirkung.« Wer sich – auch als Zuhörer*in – darauf einlässt, kann plötzlich völlig in der Gegenwart sein. In diesem Sinne ist das Rezitieren der Lehrtexte auch eine Art der Meditation. Reinhard ist von den Tonaufnahmen begeistert. Er wird einen Teil davon in Form eines »Silent Events« erlebbar machen. Zuhörerer*innen werden über Kopfhörer mit verschiedenen Kanälen den Klängen in Gotteshäusern lauschen können. Dazu lädt er am 4. August in das Kulturhaus Abraxas ein.

    Der letzte Ton der Klangschale schwingt durch den Raum und hallt noch lange nach. Er geht über in das Zwitschern von Vögel im Garten. Die »Wirklichkeit« hat uns wieder. Wir verlassen diesen beschaulichen Berg der Erleuchtung.

    Veröffentlicht bei a3kultur.

  • Gutes Leben durch gemeinschaftliches Gärtnern

    Gutes Leben durch gemeinschaftliches Gärtnern

    Mehr Grün in die Stadt holen und etwas mit den eigenen Händen tun. Im Interkulturellen Garten GrowUp auf dem Reesegelände ist das möglich.

    Die Saison hat längst begonnen. Auf den heimischen Fensterbänken sind Tomaten und Paprika vorgezogen. Im Mai werden die Setzlinge ins Freiland gepflanzt. Nur Biodünger ist im GrowUp erlaubt, denn das Säen, Ernten und Kompostieren ohne Chemie ist aktiver Umweltschutz. Gerne gesehen wird es, wenn alte, vom Aussterben bedrohte Sorten gehegt werden. Gemeinschaftsarbeit wie Rasen mähen, Kompost umsetzen, einen Zaun reparieren ist Pflicht. Freiraumplaner Martin Dix vom Vorstand des Trägervereins sagt: »Nicht allein der Gemüseanbau ist uns wichtig. Wir versuchen Differenzen auszuhalten und entdecken dabei Gemeinsamkeiten.«

    So entstehen neue interkulturelle Zwischenräume. Mittlerweile 16 Nationalitäten sind im Garten vertreten. Man kann an der Art der Bewirtschaftung meist die Herkunft der Beetpaten ableiten. An massiven Rankhilfen wachsen zum Beispiel gigantische vietnamesische Schlangenkürbisse. Viele Migrant*innen bringen aus ihren Ländern wertvolle Erfahrungen in Gartenwirtschaft mit. Ein Wissen, das in der modernen Industriegesellschaft oft abhanden gekommen ist. An den Schnittstellen von Natur, Kultur und Sozialem entsteht jede Gartensaison neu die Migrationsgesellschaft. Das »gute Leben« mitten in der Stadt zeigt sich besonders bei Ereignissen wie dem Frühlingsfest mit Gartenflohmarkt, das wieder am 1. Mai statt findet. Leckeres Essen, Musik, Jungpflanzen und Nützliches für den Garten wird es geben.

    www.facebook.com/GrowUpInterkulturellerGartenAugsburg

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  • Selber machen – zusammen machen

    Selber machen – zusammen machen

    Konstruieren statt konsumieren und nicht einfach etwas kaufen, sondern nach eigenen Vorstellungen und Kräften etwas herstellen – immer mehr Tüftlerinnen und Gärtner wollen die Dinge selbst in die Hand nehmen und wertschätzen Selbstgemachtes als Alternative zur industriellen Massenware. In Werkstätten wie dem Open Lab im Antonsviertel hantieren sie mit 3D-Druckern, Lasercuttern und Nähmaschinen, im Werkraum im Martinipark mit Hobelbank und Fräsen. Die Soziologin Christa Müller von Anstiftung & Ertomis beobachtet seit Jahren, wie sich aus solchen Aktivitäten weltweit eine Bewegung formiert. Dabei geht es um ein enkeltaugliches Konsumverhalten und den Respekt vor den natürlichen Grenzen des Planeten. Die Do-it-yourself-Bewegung bildet einen Kontrapunkt zur Konsumgesellschaft, in der der Mensch vorwiegend zum Bezahlen vorgesehen ist.

    Wenn du es nicht reparieren kannst, gehört es dir nicht

    Repaircafés haben einen enormen Zulauf. Laien und Profis arbeiten zusammen und öffnen so manche Black Box. Jurek Nordmeyer-Maßner von der St.-Anna-Gemeinde hat schon mehrere Treffen in Augsburg initiiert und erklärt seine Motivation: »Der Mensch soll verantwortlich mit der Schöpfung umgehen und Rohstoffe sparsam einsetzen!« 25 bis 30 Gegenstände werden bei einem Termin vor dem Müll gerettet. Die Gebrauchsgegenstände aufschrauben und ihr Innenleben ergründen ist nicht so einfach. Oft sind die Produkte arg verschweißt und verklebt. Das ärgert die Repairinitiativen, die sich bundesweit auf ein Self-Repair-Manifest geeinigt haben: »If you can’t fix it you don’t own it.« Es gilt, der Obsoleszenz ein Schnippchen zu schlagen und ein Zeichen gegen schnellen Verschleiß zu setzen. Weil dieser nicht nur ökologisch grundfalsch ist, sondern zudem ein elementares Zugangsrecht verweigert wird.

    Hacking und Upcycling

    Wenn vorgefertigte Dinge, aber auch Lebenswelten gekapert und für die eigenen Zwecke umgenutzt werden, sprechen wir vom Hacking. Der Begriff beschreibt also nicht nur den Versuch, in ein Computersystem einzudringen. Eine Hackerin kann auch jemand sein, die dem Toaster beibringt, Kaffee zu brühen. Gegenstände bekommen ein zweites und ein drittes Leben – ganz anders und immer wieder neu. Im Open Lab basteln sie aus PC-Komponenten wunderbare Fluggeräte. In den Gemeinschaftsgärten experimentieren sie mit Europaletten, Tetrapacks oder asiatischen Reissäcken und bauen daraus Beete. Upcycling ist ein anderer Begriff dafür. Dabei muss es nicht trashig zugehen. Tine Klink von »Bunt und draußen« formuliert ihren Anspruch: »Oftmals erfüllt Upcycling nur einen funktionalen Zweck. Ich achte darauf, dass meine Produkte auch formschön und ästhetisch ansprechend sind.«

    Leben im Commonismus

    Offene Werkstätten und Gartenprojekte bieten gemeinschaftliche Betätigung und Freiräume. Mit Kommunismus hat das nichts zu tun. Vielmehr sind Commons Gemeingüter wie Wissen, praktische Fertigkeiten und Materialien, die frei geteilt, getauscht und kreativ anders genutzt werden. Die Eigenarbeit wird zum Gestaltungsprozess in der Gemeinschaft. Die Beteiligten reklamieren außerdem öffentliche Flächen für die gemeinwohlorientierte Nutzung. In Augsburg sind so zwei Interkulturelle Gärten, einer hinter dem Reesetheater, der andere an der Ballonfabrik, sowie der Hochbeetgarten des Sozialkaufhauses Contact in Haunstetten, der Nachbarschaftsgarten in Oberhausen und die Cityfarm am Gablinger Weg entstanden. Unterschiedliche Milieus und Kompetenzen treffen hier aufeinander. Integration wird praktisch gelebt oder ist explizit der Fokus, wie in der Volldabei-Kulturwerkstatt, die in einer Asylunterkunft im Antonsviertel angesiedelt ist. Geselligkeit erfährt eine neue Qualität. Wer gerade keinen Reparatur- oder Bastelbedarf hat, kommt zum Ratschen vorbei oder kocht für die Fleißigen. Die Bikekitchen in der Heilig-Kreuz-Straße war Vorreiterin dieses Modells in Augsburg. Allen gemein ist: Sie legen praktisch Hand an die Konsum- und Wegwerfgesellschaft und schrauben am Verständnis dessen, was wir können, sollen und dürfen.

    Das Foto gehört zu der Ausstellung »Do it yourself – Mach’s doch selber!«. Ab dem 13. März beleuchtet die Schau im Schwäbischen Volkskundemuseum Oberschönenfeld den Bedeutungswandel des DIY in den letzten rund 100 Jahren.

    Veröffentlicht bei a3kultur.

  • Baustelle Interkultur

    Baustelle Interkultur

    Viel mehr als bislang müssen wir uns alle ganz praktisch mit Integration befassen, die Orte der Interkultur mitgestalten und neue erschaffen.

    Immer wieder wird der Anspruch formuliert, die Vielfalt der Augsburger Bevölkerung auch im Kulturleben sichtbar zu machen. Migratengruppen wollen in angemessener Weise ihre Traditionen und Bräuche pflegen können und ihre Alltagsfragen, aber auch ihre Visionen und Träume sollen in kulturellen Werken einen Ausdruck finden. Wenn wir von Interkultur oder manchmal auch Transkultur sprechen, meinen wir darüber hinaus, dass es Orte geben muss, an denen ein wirklicher Austausch der Kulturen statt finden kann. Zu solch einem Ort gehören beispielsweise die Kresslesmühle, das Café Tür an Tür, das Grandhotel Cosmopolis, das Café Neruda, die Kulturküche, das Sensemble Theater, das Junge Theater und Das Bunte Haus im Asylheim Calmbergstraße. Daneben gibt es eindeutig programmatische Ansätze von Interkultur mit unterschiedlichen Spielstätten wie das Hohe Friedensfest, die Asien- und Afrikawochen der Werkstatt Solidarische Welt, die Kültürtage und die Konzerte von Karman. Es fällt auf, dass diese Formate und Orte nicht gerade üppig mit Geldmitteln ausgestattet sind. Soll es Interkultur etwa frei Haus geben? Die vielen Gesprächrunden in den letzten Tagen zeigen doch eines sehr deutlich: Viel mehr als bislang müssen wir uns alle ganz praktisch mit Integration befassen, die Orte der Interkultur mitgestalten und neue erschaffen.

    Und die Interkulturelle Akademie? Was ist damit eigentlich? Die interkulturelle Kommunikation, interkulturelle Bildungs- und Kulturarbeit, interkulturelle Verständigung und das interkulturelles Management sind gefragten denn je. Diesen Auftrag hat sich die Interkulturelle Akademie einst gegeben. Seit Monaten liegt die Arbeit durch die Umstrukturierung in der Kresslesmühle auf Eis. »Es ist leichter, ein Atom aufzubrechen, als ein Vorurteil«, sagte Albert Einstein. Die Verunsicherung in der Bevölkerung wächst, Ängste werden geschürt. Aus dem »Wir schaffen das!« droht ein »Zäune hoch!« zu werden. Mit aller Kraft müssen wir das verhindern. Die Akademie als Ort der intellektuellen Auseinandersetzung mit den großen Anforderungen an unsere Stadtgesellschaft bzgl. Interkultur kommt hoffentlich bald wieder aus der Hüfte. Sie wird gebraucht!

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  • Wir sitzen alle in einem Topf!

    Wir sitzen alle in einem Topf!

    In dem Bühnenstück »HeimatSharing« zeigt Susanne Reng, künstlerische Leiterin und Regisseurin am Jungen Theater erneut, wie sich Theaterkunst gekonnt mit den sozialen Fragen der Integration verbinden lässt. Sehr anschaulich, tiefgründig und dennoch heiter bringen uns die Künstlerinnen und Künstler nahe, wie wir in Zeiten der zunehmenden Verunsicherung mit Ankommenden und den damit verbundenen neuen Herausforderungen umgehen können. Wir bekommen Ideen an die Hand, was es heißt, Heimat zu teilen.

    Zwölf Laiendarstellerinnen und -darsteller, Reng nennt sie »Expert*innen des Alltags«, erzählen ihre Geschichten. Wie sie nach Augsburg kamen, aus Russland, Rumänien, aus der Türkei, der Mongolei, dem Senegal oder dem Badischen nach Lechhausen, Hochzoll, Oberhausen oder Pfersee. Sie waren zeitweise wieder weg oder sind immer geblieben. Sie schildern ihre ersten Erlebnisse in Augsburg. So hat sich die junge Türkin gewundert, dass der Bus nicht hält, wenn sie dem Fahrer ihren Haltewunsch zuruft. In der Türkei ist das nämlich so. Eine andere Zugezogene fand es erstaunlich, dass die Leute an der roten Ampel stehen bleiben, obwohl gar kein Auto kommt. »Eine rote Ampel ist doch nur eine Option!«, meint sie. Wir erfahren weiter, was die Migrantinnen und Migranten gerne teilen: das Essen, den Arbeitsplatz, ihre Emotionen oder auch nicht so gerne: die Frau, die Zahnbürste, die eigenen Schuhe. Alle haben Gemüse aus ihrem Heimatland mitgebracht. Die Russin eine Zwiebel, der Senegalese einen Weißkohl, die Türkin eine Paprika, die Badenserin eine Kartoffel. Die Zutaten werden während des Abends zu einem Eintopf verarbeitet. »Wir sitzen alle in einem Topf!«, stellen sie fest.

    Die Inszenierung ist interessant und fesselnd. Das Publikum wird im Laufe des Abends an vier Spielorte durch die Gänge des Abraxas geführt und dabei in das Geschehen einbezogen. Überall finden Festvorbereitungen als roter Faden für die Handlung statt. Es wird Gemüse geschnippelt, gekocht und dekoriert. Wie groß die Bürde der Migration sein kann, wird im Schlussakt nochmals thematisiert. Alle drücken dem Mitspieler aus Senegal ihre Stühle in die Hand und lassen ihn damit zurück.

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  • Forum Interkultur: Ein neues Wir

    Forum Interkultur: Ein neues Wir

    Mehr als 50 Interessierte trafen sich in der Kresslesmühle, um sich über «Asylkultur» auszutauschen. «Viele Kulturschaffende tragen dazu bei, dass Geflüchtete nicht nur auf eine anfängliche Willkommenskultur treffen, sondern auch ins gesellschaftliche Leben mit eintauchen können», so Reiner Erben, Referent für Umwelt, Nachhaltigkeit und Migration zu Beginn. Alle gesellschaftlichen Bereiche müssten sich künftig damit beschäftigen, dass mehr Menschen aus anderen Kulturen kommen und das Forum Interkultur könne einen wichtigen Beitrag leisten, die Debatte voranzubringen. Michael Hegele, Projektleiter Interkultur sieht genau hierin die Herausforderung. Lange wurde seiner Meinung nach in unserer Gesellschaft nicht darüber gesprochen, wer wir sind, wer dazu gehören soll und wer nicht. Er möchte gezielt Kulturschaffende mit der Verwaltung und gesellschaftlichen Gruppen unserer Stadt zusammenbringen, um ein «neues Wir» auszuhandeln. Er bezieht sich dabei auf Björn Bickert, der an diesem Abend als Referent vorgesehen war und leider kurzfristig absagen musste. «Migranten und Nicht-Migranten haben gemeinsam dieses wunderbare Bild von den helfenden Deutschen kreiert. Ein neues Wir», sagte Bickert kürzlich in einer Rede. Seit vielen Jahren beschäftigt sich der Theatermacher und Autor mit dem gleichberechtigten, demokratisch gestalteten Zusammenleben in einer Einwanderungsgesellschaft, wie wir sie sind. In einem Prozess der Beratung, Entwicklung und Gestaltung versucht der Künstler zusammen mit Mitarbeiter*innen der Münchner Kammerspiele das städtische Theater auf allen Ebenen des Betriebs für den Themenkomplex Flucht, Ankunft und Asyl zu öffnen. «Munich Welcome Theater» nennt sich das Projekt.

    Wir erinnern uns: Im Sommer diesen Jahres hat Bundespräsident Joachim Gauck gemahnt: «Hören wir auf, von ,wir’ und ,denen’ zu reden. Es gibt ein neues, deutsches ,Wir’, die Einheit der Verschiedenen.» Der Rat für Migration, ein Zusammenschluss von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, die sich mit Fragen der Zuwanderung und Integration befassen, hat sich ähnlich geäußert: «Wir brauchen ein neues pluralistisches Leitbild für Deutschland. Es ist wichtig, dass wir den Begriff ‚Wir Deutsche‘ neu definieren. Wie kann die neue Gesellschaft aber funktionieren, wenn es nicht mehr die eine Mehrheit, die eine Leitkultur, die eine Religion gibt? Was können Künstler und Kulturschaffende sowie Vereine in Augsburg zu einem Aushandlungsprozess darüber beitragen? Diese Fragen sollen nun in einer neuen Auflage des Forums Interkultur bearbeitet werden.

    Farhad Sidiqi, Sänger und Kulturmacher und Ester Völk, Choregrafin und Tänzerin, schilderten an diesem Abend eindrücklich, wie sie Deutschland nach ihrer Ankunft erlebt hatten. Für beide war es ein Wendepunkt, als sie mit dem Grandhotel Cosmopolis in Kontakt kamen und dort auf Menschen trafen, die sich für sie interessierte, die sie stützten und motivierten. Das kreative Umfeld war für beide sehr bedeutend. Viele andere Beispiele aus dem Jungen Theater, der Werkstatt Solidarische Welt, dem Kültürverein, dem Fußballverein Türkspor oder der Initiative VOLLDABEI belegten bei diesem Treffen, wie ersthaft und gleichzeitig kreativ die Akteure auf die großen Veränderungen reagieren, die durch den vermehrten Zuzug von Flüchtlingen entstehen. Das «neue Wir» war spürbar. Ein guter Start für das neue Forum Interkultur, das sich das nächste Mal im März 2016 treffen wird.

    Veröffentlicht bei a3kultur.